Vorträge

DEMENZ IN DER LITERATUR
KLEINE BÜHNE / FOYER
Seit Rene Descartes gilt die Fähigkeit zu denken und? das eigene Leben zu reflektieren als Voraussetzung der menschlichen Individualität und Identität. Mit der Zunahme demenzieller Erkrankungen, die zu den negativen Folgen der Langlebigkeit gehört, wird diese Grundvariable menschlicher Existenz in Frage gestellt. Das macht eine Korrektur des Menschenbildes und neue Formen der Wahrnehmung und des Fremdverstehens erforderlich. Der Beitrag zeigt, wie (auto)biographische und fiktionale Texte der Gegenwart demenzielle Erkrankungen aus wechselnden Perspektiven darstellen und dem Prozess des progressiven Erinnerungsverlusts, des Verlusts der kognitiven Fähigkeiten, der Sprach- und Handlungskompetenz, des körperlichen Verfalls, des Identitätsverlusts und des Zerfalls sozialer Netzwerke damit eine für andere nachvollziehbare Sprache geben. Leitend ist dabei die Frage, ob der Verlust der kognitiven Fähigkeiten, von Autonomie und Identität durch verstärkte Akzeptanz emotionaler Ausdrucksformen kompensiert werden kann und auf welche Weise die Texte die Möglichkeit dieses Ausgleichs gestalten.
Univ.-Prof. Dr. Henriette Herwig Promotion 1985 mit einer Arbeit über Dialogstrukturen im dramatischen Werk von Botho Strauß, Habilitation 1996 über Goethes Altersroman Wilhelm Meisters Wanderjahre, 2001 bis 2003 Professorin für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Br., seit 2003 Lehrstuhlinhaberin im Fach Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Publikationen zu: Goethe und Goethezeit, historische Anthropologie, Literatur des 19. bis 21. Jahrhunderts, Schweizer Literatur, Literaturtheorie, Gender Studies und Cultural Gerontology. Bücher zum Alter u.a.: Henriette Herwig (Hg.): Merkwürdige Alte. Zu einer literarischen und bildlichen Kultur des Alter(n)s, Bielefeld 2014.

DAS VERGESSEN VERGESSEN Projekt »Aufgeweckte Kunstgeschichten«
KLEINE BÜHNE / FOYER
Seit 2013 werden in Kunsthaus Zürich Menschen mit Demenz vor einem ausgewählten Kunstwerk mit Hilfe der TimeSlips-Methode animiert, gemeinsam jeweils eine im Bild »schlafende« Phantasiegeschichte »aufzuwecken«, die notiert und schliesslich zu einer Geschichte verdichtet wird. Evaluationsergebnisse des Forschungsprojekts am ZfG dokumentieren Kreativität, Spontanität, und gestiegene Lebensbejahung bei den Teilnehmenden durch diese Begegnung mit Kunst im öffentlichen Raum. 
Prof. Dr. Karin Wilkening Dipl.-Psychologin, Professorin i.R. der Fakultät Soziale Arbeit an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel; wissenschaftliche Leiterin des Projekts »Aufgeweckte Kunstgeschichten« am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich (ZfG) in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich; zertifizierter TimeSlips-Moderatorin; Gründungsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.
www.zfg.uzh.ch/projekt/kunst-demenz-2015.html

 

SICHTBAR MACHEN, WAS SONST VERBORGEN BLEIBT:
Interaktionen mit Menschen mit Demenz auf der Mikroebene erforschen.
KLEINE BÜHNE / FOYER
Menschen, die in der Demenz bereits weiter fortgeschritten sind, äußern sich vor allem auf der körpersprachlichen Kommunikationsebene. Um sich ihren individuellen und spezifischen Ausdruckformen anzunähern, untersucht Karin Welling in ihrer qualitativen Studie videographierte Interaktionssituationen mikroanalytisch. Hierdurch eröffnet sich ein anderer Blick auf das Interaktionsgeschehen, der sichtbar macht, was sonst oftmals verborgen bleibt. In ihrem Vortrag schildert sie ihre Herangehensweise und geht der Frage nach, was Menschen mit Demenz benötigen, damit sie sich mit ihren Fähigkeiten und ihrer Art zu kommunizieren in die Interaktion einbringen können. 
Dipl. Päd. Karin Welling Gesundheit- und Krankenpflegerin sowie Dementia Care Mapping (DCM) Evaluatorin und Trainerin. Sie beschäftigt sich mit dem Phänomen Demenz und der Gestaltung von Bildungsprozessen. Seit 2007 arbeitet Karin Welling freiberuflich und begleitet Personen und Institutionen, die sich mittelbar oder unmittelbar um Menschen mit Demenz und ihre Familien kümmern. Im Auftrag der Universität Witten/Herdecke entwickelte sie gemeinsam mit einem Expertengremium den Masterstudiengang »Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz« und gestaltete den curricularen Prozess. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt darin, Einrichtungen dabei zu unterstützen, eine person-zentrierte Pflegekultur einzuführen und weiterzuentwickeln. Zudem ist Karin Welling externe Doktorandin der Universität Bremen; sie analysiert videographierte Interaktionen zwischen Menschen mit Demenz und Pflegenden auf der Mikroebene.