2005 denkMal - dieser Schiller!

denkMal_dieser_Schiller

Ein Theaterspaziergang mit dem BürgerTheater Ludwigsburg

Denkwürdiger Spaziergang durch die Stadt
Aus Bietigheimer Zeitung, 17.9.05, Autor: Gabriele Szcezegulski

Mit Schiller Ludwigsburg einmal ganz anders erleben. Es ist eine sonderbare Vorstellung, dass der große Friedrich Schiller vor über 200 Jahren im gleichen Garten saß, hinter dem Cottahaus, in dem das Publikum nun platziert ist. Äpfel essend, dem Kutschverkehr auf der Stuttgarter Straße lauschend, bis die Mutter rief: »Fritz, komm rein.« Ins 18. Jahrhundert versetzt der Theaterspaziergang des Ludwigsburger Bürgertheaters »DENKMAL - DIESER SCHILLER!«, der als denkwürdiges Spektakel mit über 100 Mitwirkenden inszeniert wurde.
Der Gang durch die Stadt wird nicht nur zum Wandel auf des jungen Schillers Spuren sondern zur Entdeckungsreise durch eine ansonsten wohl bekannte Stadt. Hören und staunen, Oh-Rufe und glänzende Blicke - so reagierte das Premierenpublikum auf die wieder einmal äußerst gelungene Inszenierung des Bürgertheaters unter Leitung des kompetenten Teams unter Rainer Kittel (künstlerische Leitung), Heike Huber (Ausstattung), Ute Kabisch (musikalische Leitung) und Christine Macco (Dramaturgie).

Dem Denkmal Schiller auf die Schliche kommen, das war das Ziel.
Von 1766 (Übersiedelung der Schillers von Marbach nach Ludwigsburg) bis 1773 (Beginn der Schulzeit auf der Solitude) lebte Friedrich Schiller in der Residenzstadt von Herzog Carl Eugen. Die Familie wurde im heutigen »Cottahaus«, in der Stuttgarter Straße 26 sesshaft. Der Vater war Soldat unter dem Herzog und begann in Ludwigsburg hinter dem Wohnhaus mit einer Obstbaumzucht, die er zur Profession vervollkommnete und durch die er später oberster Gartenbauinspektor des Herzogs auf der Solitude werden sollte. 233 Jahre fühlt man sich zurückversetzt - als man im ehemaligen Schillerschen Garten sitzt und den Schillerkindern beim Indianer spielen zusieht, bei dem Fritzens phantasievolle Begabung zum Ausdruck kommt und sein Hang zur Dramatik, genauso wie er im anschließenden Tauf-Spiel theologische Talente zeigt. Der Apfel war nicht nur das Lieblingsobst des Vaters, der ein großes Standardwerk über »Die Baumzucht im Großen« veröffentlichte, auch Friedrich Schiller profitierte von dem Obst: Von Erschöpfungszuständen während der Arbeit erholte er sich durch Kaffee und den Geruch faulender Äpfel, die er immer in seiner Schreibtischschublade aufbewahrte und ihm als Aufputschmittel dienten.
Die Zuschauer des Theaterspektakels werden in die Welt der kleinen Schillers eingeführt. Auf der anderen Straßenseite, ein paar Meter weiter unten, lebt der Hof in Saus und Braus - während Frau Schiller nicht weiß, wie sie ihre Rechnungen bezahlen soll. Und dann beschließt der »Tyrann« Carl Eugen auch noch, den Sohn Fritz auf die »Sklavenplantage« zu schicken. Im Januar 1773 macht sich Johann Caspar Schiller mit Sohn Friedrich auf den langen, verschneiten Weg nach Stuttgart - und das Publikum des Bürgertheaters mit ihnen. Durch die, für den Autoverkehr gesperrte, Alleenstraße wandeln wir - und bekommen Fetzen aus der Gedankenwelt des jungen Schillers mit, aber auch, was Mutter und Vater denken. Auf das Publikum prasseln der Brief Carl Eugens an den Vater Schiller nieder, die Trauer einer Mutter und die ersten Eindrücke eines Freundes. Weiter in den Gewächshausweg - empfangen werden wir von den, uniform-gekleideten, Mitgliedern des Chors Chorioso. Sie repetieren die Ausstattungsliste der Solitude-Eleven wie einen Kanon. Ein paar Schritte weiter sitzt der Chor und leiert lateinische Worte.
Und dann ein Bruch - Verbindung zur Jetztzeit: der Rap-Poet Bryan D. Sanderson, hinter Gittern, vermittelt, wie sich wohl der junge Schiller fühlen musste - eingesperrt, alleine, unfrei: »Ich bin ein Vogel der Freiheit, die Seele des Krieges, ich bin ein Dichter«. Sehr gut kann sich Sanderson hineinversetzen - das Publikum jubelt zum ersten Mal und hat somit keine Angst vor Entmythisierung durch moderne Einsprengsel. Weiter geht's zum Rathaushof, auf dem die Gedankenwelt des Dichters visualisiert wird.

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Wie hypnotisiert und von den Worten eingelullt, wandelt der Zuschauer über den Platz, fasziniert von den Eindrücken und den Bildern, die das Ensemble mit Hilfe von Licht, Effekten, Musik, Projektionen und Tanz auf den Rathaushof zaubert. »Die Räuber« - Schillers Jugendstück, entstanden in der Zeit in der Carlsschule - wird in der vierten Szene thematisiert. Der Ratskellergarten und der in ihm liegende Pavillon bilden eine stimmungsvolle Atmosphäre für die Jugendtheatergruppe der Kunstschule Labyrinth, die als Schiller und seine Freunde die Entstehung der »Räuber« im Bopserwald nachspielen, vermischt, unterbrochen und vervollständigt durch von den professionellen Schauspielern dargestellte Szenen aus dem Schillerschen Drama. Die jungen Schauspieler der Jugendtheatergruppe schaffen es hier, aber auch in anderen Szenen, durch ihr fantastisches Spiel in den Bann zu ziehen. Ebenso wie Thomas Weber, der den erwachsenen Schiller spielt, ist auch der Darsteller des jungen Fritz ein talentierter Glücksfall. Weber erscheint als personifizierter Schiller, als sei er vom Sockel des Denkmales am Ludwigsburger Schillerplatz gestiegen. Die jugendlichen Schauspieler faszinieren durch unverbrauchte und dennoch höchst professionelle Spielkunst. Schon alleine das tadellose Intonieren des langen Textes ist ein Riesen-Lob wert. Die weiße Kutsche Carl Eugens (einfallsreich durch die Stelzengruppe dargestellt) wartet dann schon vor dem Pavillon. Mit Kammermusik begleitet wandern auch Oberbürgermeister Werner Spec und Landrat Rainer Haas durch die Innenstadt, geleitet durch Paravents, die eine Gasse durch die Seestraße bilden, hin zum Arsenalgarten, wo eindrucksvoll begleitet durch den Sprechgesang von Chorioso, der Alltag der Carlsschüler dargestellt wird. Der Countdown läuft, Schiller wird mehr und mehr zum literarischen Denkmal. Auch der Rappoet macht dies eindrücklich, in dem er die Wichtigkeit der Schillerschen Ideale auch für die heutige Jugend in moderner Sprache betont. Zum ersten Mal in der Geschichte des Bürgertheaters greift man auf ungewöhnliche, private Örtlichkeiten zurück - das Geschäftsgebäude der Kreissparkasse Ludwigsburg wird bespielt. Eintönig grau gekleidete Menschen, die durch die Röhre an der Fassade der Bank marschieren, symbolisieren, dass auch oder gerade der moderne Mensch nicht viel an Freiheit gewonnen hat, sondern durch eben andersartige Zwänge gebunden ist. Schillers Ideal von Freiheit ist also noch lange nicht realisiert, seine Texte um so mehr aktuell. Welch hochfliegende Pläne hat die Menschheit und mit welch »Mäusegeschäften« muss sie sich herumschlagen. Wie heißt es in den »Räubern«: »Bruder, ich habe die Menschen gesehen, ihre Bienensorgen und ihre Riesenprojekte, ihre Götterpläne und ihre Mäusegeschäfte, das wundersame Wettrennen nach Glückseeligkeit.... dieses bunte Lotto des Lebens.... es ist ein Schauspiel, Bruder, das Tränen in deine Augen lockt, wenn es dein Zwerchfell zum Gelächter kitzelt«. Der Spaziergang des Bürgertheaters gemeinsam mit dem berühmten Sohn der Stadt ist ein denkwürdiger. Er vermittelt eine andere, bewusstere Sichtweise auf die Stadt und auf Schiller und auf dessen Gedankenwelt.
Mit vielen Details liebevoll ausstaffiert ist »DENKMAL - DIESER SCHILLER!« unterhaltsam, aber vor allem: künstlerisch im Gros der Schillerfeiern herausragend.

KÜNSTLERISCHE LEITUNG, GESAMTREGIE // Rainer Kittel
AUSSTATTUNG // Heike Huber
MUSIKALISCHE LEITUNG // Ute Kabisch
DRAMATURGIE // Christine Macco
TEXTE // Christian Rehmenklau, Gabriele Sponner, Bryan Sanderson
SCHAUSPIEL // Daniela Pöllmann Carlo Benz Thomas Weber
RAPPOET // Bryan Sanderson
SOPRAN // Konstanze Fladt
KLAVIER // Maria Grossmann Wilfried Peschke
LEITUNG SCHAUSPIELGRUPPE DER KUNSTSCHULE LABYRINTH // Gabriele Sponner
LEITUNG DER HIPHOPGRUPPE DER KUNSTSCHULE LABYRINTH // Carina Clay
PROJEKTIONEN, LICHT, TONTECHNIK // Fabian Piwonka von Kulturwelt 2000 e.V. VERANSTALTER, ORGANISATION, KÜNSTLERISCHES BETRIEBSBÜRO // Tanz- und Theaterwerkstatt e.V.

Premiere // 15.9.2005 und weitere 11 Vorstellungen

Mit freundlicher Unterstützung durch die Stiftung Kunst, Kultur und Bildung der Kreissparkasse Ludwigsburg, die Bürgerstiftung Ludwigsburg, die Stadt Ludwigsburg, Fachbereich Kunst und Kultur, das Stadtplanungsamt, das Tiefbau- und Grünflächenamt, das Kunstzentrum Karlskaserne und das staatliche Hochbau- und Liegenschaftsamt und vielen anderen mehr.