Ubu - Variationen

Ein soziokulturelles Theater- und Performanceprojekt zur Banalität des Bösen

von Fabian Chyle in Koproduktion mit der Tanz- und Theaterwerkstatt e.V., der Kunstschule Labyrinth und der Justizvollzugsanstalt Hohenasperg
»Soll ich Dir den Hals umdrehen?« Mit hinterlistigem Blick und schelmisch arrogantem Lächeln beobachtet Vater Ubu, wie Mutter Ubu auf sein Angebot reagiert. Und die pariert prompt. »Nicht mir, einem anderen sollst Du das Licht ausblasen«, erklärt sie in einer Art, die keinerlei Widerspruch zulässt. Schwingt unter ihrer sanften Fassade doch manipulative Gewalt mit. Und genau darum geht es an diesem besonderen Morgen in der Sozialtherapeutischen Anstalt Baden-Württemberg auf dem Hohenasperg: drei Personengruppen, die im täglichen Leben kaum interagieren würden, stehen im Gebetsraum der Anstalt zusammen auf der Bühne. Die Darsteller: Gefängnisinsassen, Frauen und Jugendliche. Gemeinsam präsentieren sie in der Inszenierung »Ubu-Variationen« ihre jeweiligen Interpretationen des Stücks »König Ubu« des französischen Schriftstellers Alfred Jarry. Fabian Chyle, Choreograph, Regisseur, Therapeut und Leiter des Künstlerzusammenschlusses Crossover Art Concepts »Coac«, realisierte das soziokulturelle Theater- und Performanceprojekt »Ubu-Variationen« zur Banalität des Bösen zusammen mit der Tanz- und Theaterwerkstatt Ludwigsburg in der Sozialtherapeutischen Anstalt auf dem Hohenasperg. Als Jarrys Posse über das rülpsende, gefräßige Monster Ubu, das sich von seiner berechnenden Frau angestiftet mordend und brutal der Königskrone ermächtigt, Krieg beginnt und später selbst flieht, im Paris des Jahres 1896 uraufgeführt wurde, entfachte es einen handfesten Skandal. Heute ist das anders. Aber auch 105 Jahre danach hat diese Gewaltrevue an der Grenze zum absurden Theater nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Und das soziokulturelle Theater- und Performanceprojekt »UBU- Variationen«, das Fabian Chyle initiierte und mit der Theaterpädagogin und Figurenspielerin Stefanie Oberhoff, der Kommunikationswissenschaftlerin und Theaterpädagogin Ingrid Lutz sowie der Psychotherapeutin Margit Romeis umsetzte, geht nach wie vor unter die Haut - zumal hinter Gittern auf besondere Weise.
»Dieser Ort hat mich gereizt - und natürlich das Thema, Gewalt ist banal und überall in verschiedenen Formen«, erklärt denn auch eine der Frauen ihre Motivation bei dem Projekt mitzumachen. Alle drei Gruppen bekamen Sätze aus dem Stück, die sie nutzen sollten, konnten aber auch eigene Texte einbringen. Einfach sei die Erarbeitung nicht gewesen, sagt sie, eine andere nickt. Immerhin wurden einige der Teilnehmerinnen Opfer von Gewalt. Dass sie im Gefängnis mit Tätern konfrontiert werden sollten, bereitete einigen von ihnen zuvor Bauchschmerzen. Und so beschäftigten sich die Frauen, angeleitet von Ingrid Lutz, bei ihrer Interpretation des »Ubu roi« denn auch mit der Allgegenwärtigkeit von Gewalt und sexualisierter Gewalt.
Anders die Jugendlichen, die mit der Figurenspielerin Stefanie Oberhoff arbeiteten: Sie gingen so frisch und witzig mit selbst gebauten Masken, Objekten und Puppen das Thema an, das einem angesichts dieser Offenheit und Frechheit das Lachen im Halse stecken blieb. »Mich hat die Kreativität der Sprache gereizt, Ubu hat seine ganz eigene Ausdrucksweise, er sagt etwa Scheiße«, so ein Junge. »Man entdeckt, das jeder eine schwarze und eine weiße Seite hat«, betont ein Mädchen. »Auf der Bühne können wir das ausleben.« Diese Grenzen zu entdecken, sei wichtig und spannend. Ihre Erfahrungen mit den Gefangenen beschreiben sie als positiv. »Ich musste erst einmal alle Vorurteile über Bord werfen«, meint ein Jugendlicher. Die Insassen der Sozialtherapeutischen Anstalt auf dem Hohenasperg wiederum, die mit Fabian Chyle das Thema erarbeiteten, stellten bei ihrer Auslegung des »Roi Ubu« die Gewalt der Manipulation in den Vordergrund. Während der Szene, in der Ubu seiner Frau den Vorschlag macht, ihr die Gurgel umzudrehen, halten sie Kartons hoch, auf welchen »We love to manipulate you« zu lesen ist. Er wisse seit frühester Kindheit, was Wörter auslösen können, erklärt denn auch ein Gefangener im Gespräch, während ein anderer ergänzt, dass ihm gerade durch dieses Stück klar wurde, wie er früher selbst Menschen manipuliert habe. Ein dritter beschreibt, wie es ihm erst einmal schwer fiel, sich auf die Rolle einzulassen und Vertrauen zu seinen Mitspielern zu fassen. Wird er doch in Klebeband eingewickelt und herumgetragen. »Dies musste ich erst einmal ertragen lernen, draußen habe ich selbst so etwas Menschen angetan.« Theater und Leben seien nicht so weit auseinander, bestätigt ein Mitinsasse. Und: Theaterspielen sei eine tolle Erfahrung, aber auch ein Trip voller Emotionen, von dem er erst einmal in seiner Zelle dann herunterkommen müsse. Dass auch das Publikum, am ersten Abend Häftlinge, an diesem zweiten Morgen und Nachmittag geladene Gäste von außen, eine Achterbahn der Gefühle durchlief, wurde an den Reaktionen und Rückmeldungen deutlich, um die sie Chyle jeweils nach den Aufführungen gebeten hatte. Es sei gut, dass dieses ernste Thema immer wieder durch humorvolle Passagen gebrochen worden wäre, sonst hätte man es schwer ausgehalten, urteilte ein Gefangener. Eine Besucherin wiederum betonte: »Mir wurde wieder deutlich, dass in jedem von uns Gut und Böse steckt und keiner von uns davor gefeit ist.« Einig waren sich alle, dass die schauspielerische Leistung grandios sei, die Intensität der Spielerinnen und Spieler mitgerissen hätten. Auch Christine Ermer, Psychologin und Leiterin der Anstalt Hohenasperg, betonte, dass das Wagnis dieser Aufführung hinter Gittern sich gelohnt habe und gelungen sei. Die Durchlässigkeit nach draußen sei wichtig. Hier kämen Gruppen zusammen, die sich sonst nie begegnen würden. Ermer ist von der Wirksamkeit theaterpädagogischer Therapiemethoden überzeugt: »Sie arbeiten auf einer intuitiven Ebene. Wir haben hinter diesen Mauern nicht nur Gefangene, es sind Menschen mit viel Lebendigkeit und Kreativität - und die gilt es zu fördern.«

Zielgruppe // Insassen der Justizvollzugsanstalt Hohenasperg,
Frauen und Jugendliche
Projektdauer // Januar - April 2011
Präsentation // 29.04.2011

Gefördert durch den Landesverband Freier Theater Baden-Württemberg aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg